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Fake News und Filterblasen: Geld, Macht und Wahnsinn

Es hat das Zeug zum nächsten Unwort des Jahres: Fake News – Schreckgespenst der Politik, Todschlagwort für Journalisten und ein probates Werkzeug für alle Unzufriedenen. Nach Lügenpresse kommt mit den Fake News eine weitere Perversion, die Medienschaffenden das Leben schwer und die Gesellschaft ein Stück weniger gesellschaftsfähig macht.

Es ist eine dieser Wortschöpfungen, die unversehens aus dem Sumpfgeblubber des täglichen Einerleis auftauchen, Fahrt aufnehmen und schnell mal zum Aufmacher der Tagesthemen avancieren. Fake News, ein neues Phänomen, das so neu eigentlich gar nicht ist. Wie so oft mutiert ein altbekanntes Problem und wird zu einem noch problematischeren Monster.

 

Was sind Fake News?

Ganz vorab: Fake News ist zunächst nicht mehr als ein neuer Begriff für Falschmeldung. Falschmeldungen gibt es schon so lange es modernen Journalismus gibt. Sie entstehen durch überhastetes Veröffentlichen und schlampige Recherche. Immer schon versuchten Tippgeber aus verschiedenen Gründen Journalisten falsche oder in Teilen falsche Fakten unterzujubeln. Manchmal erzeugen Journalisten Fake News auch selbst, etwa wenn eine Nachrichtenagentur versehentlich einen vorformulierten Nachruf für eine gealterte Prominenz veröffentlicht, die noch gar nicht gestorben ist.

Also einfach nur alter Wein in neuen Schläuchen? Nicht ganz. Fake News sind gewissermaßen die Falschmeldung 2.0 mit einem Dreh für soziale Netzwerke. Und hier wird die Definition etwas schwammig: als Fake News versteht man einerseits Meldungen über falsch dargestellte oder schlicht erfundene Sachverhalte, die auf pseudojournalistischen Facebook-Seiten gepostet werden und von Journalisten aufgegriffen respektive von anderen Nutzern zur Meinungsbildung herangezogen werden. Aber auch Postings von privaten Accounts, die schnell viral werden und inhaltlich zumindest fragwürdig sind, werden oft als Fake News bezeichnet. Sogar Abgeordnete warfen sich gegenseitig vor, Fake News auszuspucken.

Auch das Kapern von Überschriften wird teilweise als Fake News bezeichnet. Dabei teilen Nutzer Postings von Zeitungsartikeln, die ursprünglich von der jeweiligen Redaktion mit Link zum entsprechenden Artikel gepostet wurden. In den Kommentar-Text schrieben die Nutzer dann eine stark verzerrte oder schlicht falsche Überschrift, entweder, um gezielt eine neue Headline zu setzen, die unaufmerksame Nutzer im eigenen Facebook-Freundeskreis mit der Zeitung assoziieren, oder weil sie den betreffenden Artikel nicht gelesen oder falsch verstanden hatten.

 

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Quelle Bild: GaudiLab / Bigstockphoto

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Geld, Macht und Wahnsinn

Die Fake News – Macher werden auf verschiedene Weise motiviert. Bei vielen Verbreitern geht es schlicht ums Geld. So hatte etwa ein Kellner in der mazedonischen Kleinstadt Veles während des US-Wahlkampfs erkannt, dass die US-Bürger sehr empfänglich für vermeintliche Berichterstattung über die beiden Kandidaten waren. Als Trump gerade auf einer Umfragewelle aufschwamm, begann er massenhaft pro-Trump- und Anti-Clinton-News zu verbreiten. Da behauptete er etwa, Clinton sei schwachsinnig, betreibe einen Kinderpornoring oder sei in Wirklichkeit ein Mann. Für seine Nachrichten legte er verschiedene nach Medien aussehende Webseiten an. Über den Traffic von Facebook und Google erarbeitete er sich einen netten Nebenverdienst und viele junge Männer aus Veles taten es ihm nach.

Es sind Vorgänge wie dieser, der dazu führten, dass manche zwischenzeitlich behaupteten, einzig Facebook sei Schuld daran, dass für Clinton die Wahl verloren ging. Immerhin, das ist heute klar, die sozialen Medien trugen zumindest so viel zur Meinungsbildung im Vorfeld einer Wahl bei wie nie zuvor. Wahlentscheidend waren sie indes nicht. Hier wirkte sich viel mehr ein Effekt der Wahlforschung aus: viele Befragte gaben an für Clinton votieren zu wollen, weil Trump unbeliebt war und die Gegenkandidatin sozial erwünschter. Später entschieden sie in der geheimen Wahl dann doch anders. In den sozialen Medien jedoch, so behaupten es Medienwissenschaftler, hätte man realistischere Wahlprognosen erstellen können – doch habe man diese Portale der Meinungsäußerung schlicht nicht ernst genug genommen. Die Meinungsforscher hätten sich einfach auf ihre altbewährten Statistikinstrumente verlassen und die Filterblase habe dann alle getäuscht. Wahlforscher, Journalisten und Politikbeobachter.

 

Andere Fake News-Verbreiter werden nicht von monetären Gelüsten getrieben. Sie sind politisch motiviert – entweder aus eigenem Antrieb oder auf Bezahlung. Das Prinzip ist ähnlich: es werden Portale gestrickt und ein wenig auf Nachrichtenseite getrimmt, auf denen arg verzerrt über Entwicklungen der Tagespolitik berichtet wird. Ein prominentes Beispiel hierfür war die inzwischen eingestellte Seite netzplanet.net. Dabei verfolgen diese Berichte eine politische Agenda, die mehr oder weniger aufdringlich bestimmte Botschaften transportiert.

So wurde und wird vielfach versucht, Flüchtlinge als grundsätzlich kriminell und die Flüchtlingsfrage als Flüchtlingskatastrophe aufzubauen. Gefährlich ist hier die abenteuerliche Vermischung von Fakten, Fiktion und der Entstellung tatsächlich getroffener Aussagen von Politikern oder Personen des öffentlichen Lebens. Das geschulte Auge erkennt die Schwachstellen dieser Machwerke recht zuverlässig, doch auch Medienprofis lassen sich gelegentlich täuschen. Unkritische Leser glauben indes nur zu gern, was sie insgeheim selbst empfinden.

 

Gewürfelte Wirklichkeit

Die Filterblase, das ist auch ein Wort, das Kommunikationswissenschaftlern und Medienschaffenden zunehmend Angst macht. Es wird oft im selben Atemzug mit Fake News gebraucht und es erklärt sich zumindest teilweise, warum das eine ohne das andere nur halb so ernst wäre.

Samstag Nacht, irgendwo in Deutschland. Vor einem Nachtclub entspinnt sich eine wüste Rauferei, Fäuste fliegen und Flaschen werden geworfen. Bald tritt auch die Polizei auf den Plan, um Ordnung zu schaffen. In der Kneipe gegenüber sitzt Blaulichtreporter Meyerhuber, der schon tüchtig getankt hat, beim Bier. Als er der Kabbelei vor der Disco ansichtig wird, stolpert er umgehend herzu, die nächste Meldung bereits vor Augen. Seinen Presseausweis in der zitternden Faust wendet er sich glasigen Blicks an den verantwortlichen Polizisten: „Isch bin die Zeitung lasch. mich sehen!“ Der aber erkennt, dass der Mann für heute fertig ist und schickt ihn weg. Dieser macht noch ein paar verwackelte Handyfotos und trollt sich.

 

Als unser Journalist schließlich zu Hause ist und wieder halbwegs geradeaus denken kann, postet er auf seiner Facebook-Chronik folgenden Beitrag: „Was ist das für ein Land, in dem Pressevertreter von der Polizei bepöbelt werden und nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können?“ Dazu packt er ein Foto, auf dem zwar nicht viel zu erkennen ist, aber irgendwas wird schon dran sein an seinen Worten. Irgendwas wird schon dran sein, das denken sich vermutlich auch viele seiner Facebook-Freunde, viele davon selbst Journalisten und somit solidarisch mit Herrn Meyerhuber. Polizei, die Kollegen bedrängt? Soll es schon gegeben haben. Schlimm ist das, also: Teilen!

An der Geschichte stimmte nichts, doch niemand weiß das. Wenn Menschen, die Flüchtlinge ablehnen, auf Facebook vermeintliche Gründe posten Flüchtlingen zu misstrauen oder sie gleich ganz aus dem Land zu jagen, wird Facebook und die Auswahl ihrer Freunde dafür sorgen, dass viele Nutzer, die diesen Post zu sehen bekommen, sich in ihrer eigenen Meinung bestätigt sehen. Dass hier weder eine professionelle Redaktion, noch sonst eine Instanz mit dem nötigen Sachverstand, eine vermeintliche Nachricht geschöpft hat, ist allen Beteiligten egal. Die Filterblase wirkt als Wahrheitserzeuger. Menschen neigen dazu anderen Menschen zu glauben, wenn sie ihnen sympathisch sind.

Jeder von uns hat seine eigene Filterblase. Sie wird dadurch erzeugt, dass man unbewusst Menschen sucht, die in wesentlichen Punkten ähnlich denken und vergleichbare Interessen haben. So gesehen gibt es auch die Filterblase schon ewig, sie wurde einst Freundschaft genannt. Facebook und Co. mit ihren Algorithmen verschärfen das Phänomen. Sie zeigen uns bevorzugt Beiträge von Menschen, die ähnlich wie wir selbst denken und handeln und hoppla: alle denken so wie ich oder ich habe eben doch immer Recht.

 

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Quelle Bild: PeoGeo / Bigstockphoto

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Politik träumt von Zensur

Kein Politiker fühlt sich gut dabei, die Wahlen im eigenen Land von geldgeilen Kellnern und sinistren Influencern verschieben zu lassen. Daher kamen deutsche Politiker fraktionsübergreifend auf die Idee, Facebook das Problem aus der Welt schaffen zu lassen. Es sollte eine Prüfstelle einrichten, um alle Fake News zu erkennen und zu löschen. Dass man dem Netzwerk damit genau das aufbürden würde, was ihm zuvor so oft vorgeworfen wurde, nämlich Meinungsmanipulation, war von der panischen Angst internetunmündiger Volksvertreter längst hinweggerissen worden. Facebook kommentierte das Ansinnen umgehend: man wolle nicht darüber entscheiden, was wahr und was falsch ist. Das müssten Profis tun.

Nun möchte Facebook in Zusammenarbeit mit der Journalistenorganisation Correctiv gegen Fake News und Hass-Postings vorgehen und das ist womöglich das beste Resultat der ganzen Fake News-Debatte bisher. Correctiv gilt als unabhängig und renommiert darin, journalistische und pseudoredaktionelle Verirrungen aufzudecken. Künftig sollen Nutzer potenzielle Falschmeldungen anzeigen können, die dann von Correctiv überprüft und gegebenenfalls entsprechend gekennzeichnet werden. Auch ein Artikel mit einer unabhängigen Schilderung des Sachverhalts soll als Referenz beigelegt werden. Facebook hätte kaum einen besseren Partner finden können.

 

Fazit

Gefährden Fake News und Filterblasen tatsächlich unsere Demokratie, unsere Gesellschaftsordnung – ja überhaupt alles, was uns lieb und teuer ist? Die Debatte um Fake News wurde vielfach zur Teilzeit-Weltuntergangskrise aufgebaut, die im Internet lauert. Selbstverständlich wird weder unsere Demokratie an Fake News scheitern, noch unser Zusammenleben kaputtgeschlagen. Wahr ist: die Filterblase ist Realität. Wir müssen uns bewusst machen, das beides existiert und unseren Blick trüben und einengen kann. Gelegentlich mal „das Facebook“ eines völlig Fremden zu durchforsten könnte spannend sein. Zeitung lesen hilft auch. Und schließlich gilt wohl nach wie vor: jemand, der sagt, „Ich habe Recht“, hat wahrscheinlich nicht Recht. Wie soll es auch anders sein.

via Die Zeit

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Roman van Genabith

Roman van Genabith

Editor [Markets, Mobile, Media]


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