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Analyse: Hat Apple geliefert?

Analyse: Hat Apple geliefert?

Einer jeden Produktvorstellung von Apple gehen Spekulationen voraus – Monate, in denen sich die Voraussagen jagen und gegen Ende die Gerüchteküche immer aufgeregter brodelt. In den vergangenen Jahren konnte man den Eindruck bekommen, diese Entwicklung schwäche sich langsam ab, Apple wird zu einem Unternehmen wie jedes andere auch. Das iPhone-Event 2016 konnte die Beobachter eines besseren belehren. Vom iPhone 7 wurde viel erwartet. Vom iPhone 8, das zum zehnten Jahrestag der ersten iPhone-Präsentation kommen dürfte, wird noch mehr erwartet werden. Doch auch jetzt sind die Erwartungen an Cupertino enorm. Und einige Tage nach dem Event stellt sich die Frage: Hat Apple geliefert?

Am 7. September stellte Apple das neue iPhone vor. Es heißt tatsächlich iPhone 7, damit hat sich der bereits im Vorfeld am heißesten gehandelte Name bestätigt. Auch sonst trafen viele der Spekulationen aus der Szene ein, auch ohne die blamable Vorstellung des neu ins Leben gerufenen Social Media-Teams, das während der beginnenden Keynote quasi einen Apple-internen Leak auslöste. Vieles von dem, was vermutet wurde, findet sich nun im neuen iPhone und der Apple Watch Series 2 wieder:

  • Die duale Kamera im iPhone 7 Plus
  • Der Wegfall der 16-Gigabyte-Version
  • Die drei GB Arbeitsspeicher exklusiv im iPhone 7 Plus
  •  Der Wegfall der Klinkenbuchse am iPhone 7
  • Die Vorstellung neuer AirPods im Premiumsegment
  • GPS in der neuen Apple Watch Series 2

 

Hier setzt sich ein Trend der letzten Jahre fort: Die Spezifikationen neuer Modelle werden von der Branche immer zuverlässiger vorausgesagt. Das ist natürlich in Teilen auf die immens komplexe Kette an Fertigern und Zulieferern zurückzuführen. Millionen von Menschen sind in ihr beschäftigt, nahezu aussichtslos hier effektiv Geheimnisse zu bewahren. Weder kann man in einem solch gewaltigen System eine so perfekte Isolation erreichen, wie Steve Jobs sie vor der Präsentation des ersten iPhones bei Apple erzwungen hatte, noch wäre das den Beschäftigten der Fertigungs- und Logistikbetriebe zuzumuten. Was bleibt, ist dennoch ein leichter Anflug von Enttäuschung darüber, dass die Knalleffekte weniger werden, die Next big Things seltener. Immerhin, ab und an kann Apple dann doch überraschen, immer dort, wo Details so technisch sind, dass der Durchschnittsleaker gar nicht weiß, was er da vor sich hat. Der Aufbau des A10 Fusion – der neue Prozessor des iPhone 7 und seine Performanceoptimierung etwa sind beeindruckend. Auch die Apple Watch Series 2 mit ihrer Wasserfestigkeit beeindruckt, auch wenn vermutlich die wenigsten Käufer ausgiebige Tauchtouren mit ihr unternehmen dürften.

 

Ist das iPhone 7 ein S-Modell?

Seit dem ersten iPhone mit S im Namen, dem iPhone 3Gs, fragt sich alle Welt im Vorfeld und manchmal auch nach Launch des neuen Modells, ist das jetzt ein S-Modell? Selbst dann, wenn das S nicht im Namen auftaucht, kommt die Frage auf. Und es ist im Grunde die verklausulierte Frage: ist das neue iPhone innovativ, sprich Apple genug? Und regelmäßig heißt es dann von hier und dort, mit Modell X hat Apple seinen Niedergang besiegelt. Unter Jobs wäre das nicht passiert oder die Tage der Next Big Things seien endgültig vorbei. Tatsache ist, und das haben inzwischen auch Huawei, Samsung oder ZTE erkannt, man kann das Smartphone nur ein mal erfinden. Man kann es anschließend noch für Jahrzehnte immer besser machen, aber einige Features sind irgendwann an ihrem natürlichen Limit angelangt.

Fakt ist aber auch, dass Apple dazu neigt Trends ähnlich zu verschlafen wie es andere einstige Branchenriesen taten, wenn auch nicht in so dramatischem Ausmaß. So wird Apple sicher nicht den Weg von Nokia gehen, das die Touchscreens so lange ignorierte, bis es zu spät war. Und die Apple Watch demonstriert eindrucksvoll, dass Apple noch immer gut genug ist eine Weile zu warten und einen Markt dann doch im Handstreich nehmen kann. Dass das iPhone 6s jüngst das weltweit erfolgreichste Smartphone wurde, unterstreicht auch, dass der Niedergang, so er denn kommt, sicher noch nicht heute oder morgen beginnt und sich lange hinziehen dürfte. Es ist deutlich, dass die letzten iPhones alle eine evolutionäre Entwicklung durchmachen und keine Revolutionen mehr sind, auch wenn Schiller und Cook uns genau das jedes Jahr zu vermitteln versuchen. Die Verbesserungen, etwa an Kamera und Prozessor, sind messbar, sogar erheblich, aber sie definieren das Geschäftsfeld nicht neu.

 

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Es ist grundsätzlich nicht verkehrt dem Markt nur insoweit hinterherzulaufen, wie die technische Entwicklung es zulässt. Dass Smartphone mit 16 Megapixel-Kamera oft schlechtere Fotos schießen als ein iPhone der vorletzten Generation, ist mittlerweile bekannt. Es ist aber auch unübersehbar, dass etwa Samsung hier mächtig aufgeholt hat und eine echte Konkurrenz geworden ist. Konkurrenz belebt das Geschäft, so sagt man. Und genau das hat bislang dafür gesorgt, dass Apple nicht abgehängt wurde und weiterhin auf höchstem Niveau mitspielen kann.

Der A10 Fusion leitet überdies ein neues Prozessorzeitalter für das iPhone ein. Seine vier Kerne dürften auf lange Sicht ebenso große Bedeutung für die Modellreihe haben, wie der Umstieg auf die 64-Bit-Prozessoren. Auch wenn die Kerne sich bislang beim System als zwei Kerne ausgeben, signalisiert Apple: Künftig brauchen auch unsere Smartphones deutlich mehr Power. Sie brauchen auch mehr Arbeitsspeicher. Hier hätte man sich mehr Konsequenz gewünscht. Warum gibt es nur für das Plus-Modell ein zusätzliches Gigabyte? Davon hätte auch das iPhone 7 dramatisch profitiert. Der Wegfall der 16 Gigabyte-Version ist indes ein überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Es ist kaum vermittelbar, dass Nutzer hunderte Euro für das Premium-Smartphone schlechthin ausgeben und ihre Daten dann, mangels SD-Kartenslot, in die Cloud schieben sollen, zumal Apple gerade hier noch immer einigen Nachholbedarf hat. Die schmerzhaften Preissprünge in Richtung der höher ausgestatteten Versionen sind dann wiederum unangenehm, grenzen ans Unverschämte, etwas, dass man von Apple gewohnt ist. Dennoch, schön geht anders.

 

Ausgeklinkt

Der Wegfall der Klinke schließlich war wie kein zweites ein Aufregerthema im Rahmen der Vorab-Spekulationen. Allein die bloße Möglichkeit, Apple könne sich von einem Quasi-Standard der Smartphonewelt seit Aufkommen der ersten Nokia-Symbian-Smartphones mit Klinkenanschluss verabschieden, trieb bei einigen Apple-Nutzern den Blutdruck auf Himalaya-Höhe. Da war von schamloser Abzocke, dem Fehlen von Markt- Technik – ja sogar Menschenkenntnis und von vorab, quasi proforma, schon mal aufzusetzender Klagen in Richtung Cupertino gesprochen worden.

Zugegeben, das Ende der Klinke ist eine Zäsur. Bislang haben fast alle Smartphones eine Anschlussmöglichkeit für handelsübliche Klinkenkopfhörer und Abspielgeräte. Die Rückkehr zu eigenen Anschlussstandards erinnert fatal an die unselige Zeit von schlechter, störanfälliger und wenig haltbarer Headsets, die nur zum Smartphone in der Verpackung kompatibel waren.

 

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Rückfall in den Steckerwahnsinn? Ein wenig. Der mitgelieferte Adapter, separat für erstaunlich humane neun Euro bei Apple zu erwerben, als auch inzwischen vorgestellte, diverse Stöpsellösungen, sind mehr oder minder unbequem und für den Alltag wenig praktikabel. Wahrscheinlich werden doch die meisten Käufer die mitgelieferten Lightning-Headsets nutzen oder zähneknirschend die 170 Euro für die neuen AirPods berappen und inständig hoffen, dass sie tatsächlich so genial und audiophil überzeugend sind, wie Apple es verspricht.

 

Abgetaucht

Ein wenig Ratlosigkeit erzeugt die Apple Watch Series 2. Während der verstärkte S2-Prozessor erfreut, die Watch 1 war ja performancetechnisch doch etwas schwach auf der Brust, fragt man sich doch, wohin die Reise für Apple geht. Das Underwater-Engeneering ist gewiss beeindruckend, rein prozesstechnisch gesehen, wie viele tauch- und schwimmaffine Käufer die Watch findet, steht aber dahin. Viele dürften dieses Feature gern mitnehmen, allein hierdurch neue Käufergruppen zu generieren, erscheint aber ambitioniert. Auch fehlen der Watch immer noch diverse Sensoren und Mobilfunk. Letzteren bekommt sie wohl erst, wenn Apple das Energieproblem gelöst hat, das macht es aber nicht befriedigender. Auch hatten viele Apple-Experten auf ein neues Design, eine runde Bauform gar, spekuliert und sind nun enttäuscht. Und tatsächlich, die Apple Watch in rund ist eine reizvolle Vorstellung, der auch der Autor eine Menge abgewinnen kann. Ob die Apple Watch den Markt der Smartwatches auch weiterhin dominieren kann, wird eine spannende Frage der nächsten Monate.

 

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Back to the Mac

Apple ist in nach wie vor dramatischer Weise vom iPhone abhängig. Das Produkt, das 2007 als ambitioniertes Experiment begann, generiert etwa zwei Drittel der Unternehmensumsätze und das kann langfristig gar nicht kritisch genug gesehen werden. Ein schwerer Ausrutscher, wie er erst jüngst Samsung mit dem Note 7 passiert ist, kann hunderte Milliarden Dollar Börsenwert vernichten.

Apple begann als Computerhersteller und das sollte es auch bleiben. Die neuen MacBooks, die es zweifellos geben wird, wurden von vielen Mac-Nutzern auf der Keynote schmerzlich vermisst. Kommt Touch ID in den Mac? Kommt die mysteriöse OLED-Leiste, die die F-Tastenreihe ablöst? Und wenn, wird sie überzeugen? Kommt am Ende gar endlich doch ein LTE-Chip im Mac? All diese Fragen harren weiter einer Antwort. Wann diese erfolgt, steht in den Sternen. Hoffentlich nicht erst im kommenden Jahr.

 

Fazit

Wenden wir uns nochmals der eingangs gestellten Frage zu: Apple hat geliefert. Nicht alles, nicht vollumfänglich, aber doch. Das iPhone 7 ist kein S-Modell. Das iPhone 8, da sind sich aber alle einig, muss ein Next Big Thing werden. Bleibt die Frage, wie das zu erreichen ist. Und Apple sollte seine Wurzeln, den Mac, nicht vergessen. Mit iPhones kann man die Welt vielleicht tatsächlich verändern, aber es sind Gebrauchsartikel aus Büros und auf Schreibtischen großer Unternehmen, die andere Unternehmen am Leben halten.

Quelle Titelbild: hadrian / Bigstockphoto

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Roman van Genabith

Roman van Genabith

Editor [Markets, Mobile, Media]


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