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Debatte um die Netzneutralität: zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Überholspur im Internet war ursprünglich nicht vorgesehen, dennoch wurde sie inzwischen mancherorts Realität. Bestimmte Dienste werden bevorzugt, bestimmte Daten haben Vorfahrt. Das stellt das Prinzip der Netzneutralität in Frage, aber was bedeutet das konkret für uns?

Alle Daten sind gleich: jedes Paket von jedem Sender hat exakt dieselbe Priorität, dieselbe Wichtigkeit. Das bedeutet Netzneutralität – bei strikter Auslegung des Begriffs. Es ist das, was im Internet ursprünglich ohnehin üblich war. In einem Netz, dessen rudimentärste Protokolle aus einer Zeit der Mainframes stammen, in der sich die Architekten des heutigen WWW kaum vorstellen konnten, dass jemals mehr als nur Wissenschaftler, Informatiker oder Militärs vernetzt sein würden, gab es keinen Grund, Mechanismen zur Priorisierung für Eilige zu implementieren. IPv4 ist ein anderes schönes Beispiel für dieses rührende Understatement der frühen Tage. Inzwischen durchdringen vernetzte Dienste alle Lebensbereiche. Die permanente Verfügbarkeit von Webseiten, Videostreams und Videokonferenzen wird ebenso selbstverständlich gefordert, wie eine reibungslose Anbindung von Industriesteuerungen und Handelssystemen. Die Netzneutralität wurde zum Thema, als absehbar war, dass das Internet in seiner ursprünglichen Form den sich wandelnden Bedürfnissen nicht mehr gerecht wurde.

 

Wie gleich heißt gleich?

Schaut man auf die Geschichte des Internets und dessen Ausbreitung in alle Lebensbereiche wird schnell klar, dass viele der Grundgedanken früherer Zeiten heute ebenso anachronistisch wie einfach gedacht erscheinen. Alle Daten grundsätzlich gleich zu behandeln ist bei einem weltweiten Datenaustausch, in den buchstäblich Jeder, von Privatpersonen, die E-Mails verschicken, bis zu Medienanstalten, die ihre Programme zu den Zuschauern bringen wollen, kaum noch zeitgemäß. Dazwischen liegen unzählige Nutzergruppen und Anwendungen mit eigenen Bedürfnissen, die befriedigt werden sollen. Daher hat sich eine etwas moderatere Definition der Netzneutralität herausgebildet.

Sie sieht vor, dass der Datenverkehr kategorisiert wird. Innerhalb dieser Schubladen ist eine Gleichbehandlung vorgesehen, ein diskriminierungsfreier Zugang zum Internet für Sender und Empfänger, dieser Umstand ist entscheidend. Dahinter steht ein technischer Ansatz: Telefonate können bandbreitensparsam ablaufen, erfordern aber geringe Latenzen und das dauerhaft. Damit ein Telefoniebetrieb sinnvoll funktioniert ist es erforderlich, dass mitten im Gespräch nicht plötzlich die Datenautobahn verstopft ist. Man spricht hier vom Quality of Service-Dogma, etwas, das viele Telefonanbieter bei ihrem Umstieg auf IP-Telefonie und die NGN-Netze der neuen Generation nur unvollkommen gewährleisten konnten. Die Folge war eine jahrelange Vertrauenskrise bei den neuen IP-Anschlüssen. Und da viele Anbieter ihren Kunden still und heimlich IP-Anschlüsse aufschalteten, ohne das irgendwie kenntlich zu machen, führten die Anfangsprobleme von VOIP im Festnetz zu einem generellen Image-Verlust des Telefons. Noch heute kommt es immer wieder zu stunden- oder tageweisen Aussetzern in der Telefonie bei verschiedenen großen Anbietern, aber zumindest sind heute zumeist keine ungünstigen Lastverteilungen das Problem. Daraus lernen wir: Netzneutralität ist schön, in einem Netz, das gleichzeitig zum Telefonieren, Fernsehen und Surfen taugen soll, braucht man aber einen weiteren Horizont.

 

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Wo liegt das Problem?

Das Thema scheint doch gar nicht so kompliziert. Warum aber wird seit Jahren so erbittert darum gestritten? Weil die Aufweichung der Netzneutralität mit verschiedenen Verlockungen verbunden ist. Wenn Daten nicht mehr prinzipiell gleichwertig behandelt werden müssen, was hindert dann große Player daran sich ihr eigenes Internet zu stricken? Ein Vorzugsinternet, das den attraktivsten Geschäftspartnern die beste Performance liefert. Das hätte für die Netzbetreiber gleich mehrere Vorteile: Sie könnten Teile ihrer hohen Kosten für Ausbau und Wartung der Netze durch Zahlungen der Inhalte-Provider hereinholen. In einer Internetlandschaft, in der dieses Prinzip zur Akzeptanz gelangt, werden Apple, Google und co. sich eine bevorzugte Auslieferung ihrer Inhalte sicher einiges kosten lassen. Die Netzbetreiber kämen so aus der ungeliebten Position heraus, in die sie sich mit dem kometenhaften Aufstieg von Content-Diensten wie YouTube zunehmend gedrängt sehen. Sie sollen die Netze betreiben, ausbauen und immer schneller machen, sich sonst aber zurückhalten. Das war zwar seit je her so, doch mit dem Erscheinen von Superstars wie Streaming, WhatsApp und Skype, die die Mobilfunk-Carrier auch noch in ihrem Kerngeschäft, der Sprach- und Textkommunikation angreifen und mehr und mehr vor sich her treiben, wird man in der Branche unzufrieden. Weder mit Telefonie, noch mit SMS oder eigenen zarten Pflänzchen eigener Inhaltskataloge lässt sich noch wirklich gut Geld verdienen.

Befürworter des Neutralitätsgedankens führen zudem an, dass sich eine Entwicklung hin zu einer Allianz zwischen Carriern und Content-Anbietern zu einem Hemmschuh für die Innovation entwickeln könnte. Auch große Player wie YouTube und Spotify gingen einst aus kleinen Startups hervor. Netzaktivisten befürchten, dass gerade diesen Startups, die das Netz stets mit disruptiven Ideen vorangebracht haben, künftig keine Chance mehr hätten ihre innovativen Dienste erfolgreich zu den Nutzern zu bringen. Wenn man erst ein mal Geld in die Hand nehmen muss, um den eigenen Dienst überhaupt ausreichend performant anzubieten, wie soll man dann in einen bereits gesättigten Markt eintreten?

 

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Ein bisschen gleicher

Die ersten Anfänge einer, zumindest teilweise, aufgehobenen Netzneutralität kann man heute schon verschiedentlich sehen: Wenn die Telekom einen Deal mit Spotify aushandelt, der es ihr erlaubt ihren Mobilfunkkunden eine Spotify-Option anzubieten, die das unlimitierte Streaming von Musik für einen geringen Monatsbeitrag oder als Teil eines Tarifpakets beinhaltet, ist der Neutralitätsgedanke durchbrochen. Die Telekom ist generell dafür bekannt, gerne sogenannte Premium-Partnerschaften zu schließen. Nicht alle davon verstoßen gegen die Netzneutralität. Die zeitweise gewährten Premiumabos bei Diensten wie Evernote oder Wunderlist für Telekom-Mobilfunkkunden sind zwar ebenfalls kritisiert worden, hier hat das Unternehmen allerdings „nur“ seine finanzielle Potenz genutzt, um attraktive Angebotspakete zu schnüren.

 

Das Wesentliche im Blick behalten

Die Debatte um die Netzneutralität tobt schon seit Jahren und wird inzwischen vielfach zu einer politischen Streitfrage. Das kann bei einigen elementaren Themen des digitalen Zeitalters notwendig sein, den Blick für das Wesentliche sollte man sich allerdings nicht verstellen lassen. Immer wieder wird von der Politik das selbstfahrende Auto angeführt, das ohne ausreichend schnelle Netzanbindung postgehend aus der nächsten Kurve fliegt oder in eine Hauswand donnert. Diese mit steter Regelmäßigkeit wiederkehrenden Offenbarungseide technischer Kompetenz zeigt einerseits, wie es um das Verständnis innovativer Dienste in der Politik bestellt ist. Andererseits geht daraus der politische Wille die Netzneutralität zu unterminieren hervor, unter dem Deckmantel der Sicherheit und Unversehrtheit von Leib und Leben. Kein teil- oder vollautonomes Auto ist für eine unfallfreie Fahrt auf eine Hochgeschwindigkeitsinternetverbindung angewiesen. Tatsächlich steht zu erwarten, dass die Autos der Zukunft mittels lokaler Adhoc-Vernetzung viele der anfallenden Entscheidungen im Straßenverkehr treffen. Aber natürlich ist es wesentlich besser vermittelbar die Gleichbehandlung aller Daten mit Verweis auf die Sicherheit im Straßenverkehr einzuschränken, als die Wahrung wirtschaftlicher Interessen zu verkünden.

Und doch, am Ende wird der fanatische Kampf ohne wenn und aber für die Doktrin eines freien und gleichen Netzes, wie sie Internetaktivisten Organisationen wie die EFF oder die Free Software Foundation propagieren, auch nicht der geeignete Weg sein, um diese im Endeffekt doch höchst komplexe Frage zufriedenstellend zu beantworten. Tatsache ist: An dieser Front geraten früher oder später alle ins Straucheln. Da sind Aktivisten, die in ihrem nachhallenden Ruf nach unbedingter Wahrung der Netzneutralität vergessen, dass das Netz mit seinen unzähligen Anwendungen heute weit über die E-Mail oder das WWW hinausgeht. – Natürlich müssen bestimmte Anwendungen garantierte Servicequalitäten aufweisen, nicht unbedingt die prestigeträchtigen autonomen Autos, natürlich nicht. Industriesteuerungsanlagen indes brauchen zwar keine hohen Datenraten, dafür aber zuverlässige, Medienhäuser mieteten früher eine Standleitung für ihre Korrespondenten und Auslandsstudios. Das ist heute kaum mehr möglich, auch diese Anwenderkreise benötigen garantierte Performance. Und Handelsplattformen an den Finanzplätzen der Welt, ob man deren Geschäft nun gut heißt oder nicht, sind auf eine hochoptimierte Anbindung geradezu angewiesen. Und da sind Unternehmen wie die Telekom, Vodafone oder Telefonica, die ihr Geschäft von Netflix, YouTube oder WhatsApp bedroht sehen. Im Mobil- wie auch dem heimischen Anschlusssegment dominieren seit Jahren zunehmend die Videoinhalte. Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass dieser Trend bis 2020 anhält.

 

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Die Provider in der Zwickmühle

Sollten nun Netflix und Google also tatsächlich zur Kasse gebeten werden, um die weitere Aufrüstung der Übertragungsnetze zu stützen? Ohne Weiteres lässt sich das sicher nicht verlangen. Wenn Unternehmen wie die Telekom einerseits fordern, dass die Verursacher des explodierenden Datenbedarfs zahlen und gleichzeitig mit Angeboten wie der Spotify-Option in Deutschland oder, noch in weit schwerwiegenderem Maße, mit Binge On in den USA selbst aktiv zur Verschärfung der Situation beitragen, wird die Problematik der Frage überdeutlich. Binge On ermöglicht das Streaming von Videos von über 40 Diensten, einschließlich YouTube, ohne Aufpreis für Kunden, die einen T-Mobile-Tarif mit drei GB Inklusivvolumen oder höher gebucht haben. Dabei skaliert der Dienst die Videos etwas herunter, was bereits zu Kontroversen führte, dennoch ist es genau die Art von Inhalt, über die die Telekom und andere Branchengrößen sich so häufig beschwerten. Der Wunsch des Unternehmens ist nur zu verständlich: Kundenbindung durch attraktive Konditionen.

Eigene Musik- und Videodienste der Telekom-Unternehmen wurden nur selten zum Erfolg, zu nennen wäre hier allenfalls Entertain der Telekom, das nach einem wenig überwältigenden Start inzwischen zu einer überschaubaren, aber stabilen Größe im deutschen Wohnzimmerfernsehmarkt geworden ist. Dienste zum Musikkauf, wie sie von allen deutschen Mobilfunkanbietern lange angeboten wurden, sind indes nahezu gänzlich verschwunden. Die Geschäftsmodelle konnten mit Erscheinen von Spotify und später apple Music nicht mehr überzeugen, waren aber im Grunde schon deutlich früher angezählt.

 

Die Provider stecken in der Zwickmühle: Eigene Inhalte zu vertreiben funktioniert nicht. Inhalte der großen Player verursachen Kosten. Verbieten lassen sich YouTube und auch WhatsApp Call im eigenen Netz nicht mehr so ohne Weiteres. Warum also nicht die Kunden gnädig stimmen, in dem man ihnen Inklusivpakete anbietet? Weil dann Fragen wie jüngst um die Spotify-Option auftauchen. Die Telekom kann diese künftig nicht mehr wie gewohnt anbieten. Wenn das Inklusivvolumen verbraucht ist, wird auch Spotify gedrosselt. Bislang war der Dienst als Premiumpartner davon ausgenommen. Jetzt entsteht eine höchst seltsame Teilneutralität: Ein Dienst wird bevorzugt, aber nur bis zum Ende des Monatsvolumens. Man ahnt, eigentlich hätte man diesen Weg gar nicht erst beschreiten sollen. Eigentlich dürfte es Deals wie die Spotify-Option oder Binge On nicht geben, auch wenn sie zunächst für Alle praktisch und bequem erscheinen.

Quelle Bilder: Shutterstock

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Roman van Genabith

Roman van Genabith

Editor [Markets, Mobile, Media]


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